I see a Darkness
Über die Videoanimation HEIM von Claudia Larcher

von Thomas Mießgang

Cioran:„Die Erfahrung des Schrecklichen , die unseren Worten allein eine gewisse Dichte geben kann…” Ja, das können wir eben noch zeigen: wie die Worte näher zusammenrücken, um der Bedrohung durch das Unsägliche zu widerstehen. (Botho Straus: Paare, Passanten)

I see a darkness, pitch Black. Langsam schälen sich die Konturen eines Raumes aus der Finsternis: Holzbalken ragen schräg in die dämonische Leinwand, Gegenstände werden erkennbar. Ein Berg übereinandergetürmter Koffer, ein Adventkranz mit Tannenzapfen, eine an einem Nagel hängende Einkaufstüte, Krimskrams, Kleinmöbel, Plastikkübel. Teile der Wand und der Decke sind von einer silbrig glänzenden Plane verhüllt, die wie ein futuristisch glänzendes Designobjekt wirkt. Irgendwo blinkt ein nackte Glühbirne.
I see a darkness and I see a light: Ein runder Torbogen gibt den Blick frei auf ein hellerleuchtetes Zimmer, diagonal geteilt von einer Treppe; die Sichtachse durch ein Fenster nach Außen ins Unendliche verlängert. Ich sehe eine kleinbürgerlich-gediegene Wohnzimmereinrichtung mit Ledergarnitur, Kerzenluster und bedruckten Vorhängen. Das Ambiente ist jetzt hell und freundlich.
Will there be peace in our lives sometime? Eine Türklingel schlägt an, hinter dem Glas sieht man schemenhaft die Silhouette einer Frau. Niemand öffnet. Raum um Raum wird abgetastet. Ein Glasschrank, naturbelassene Holvertäfelungen, rustikales Mobiliar, eine Schusswaffe lehnt an der Wand neben einem Doppelbett. Das Telefon klingelt. Niemand hebt ab. Milchig-weiße eisige Behaglichkeit.
Did you ever, ever notice, the kind of thoughts I got? Und noch eine Passage durch den schwarzen Tunnel zum letzten Kreis der HEIMathölle: Kleinwinkelig- klaustrophobische Kämmerchen, die sich in eine psychedelisch zerdehnte Ferne auswölben. Das Geräusch eines motorisierten Rasenmähers vor dem Fenster. Heimwerkerzubehör, säuberlich in Boxen verpackt und in Regale gestapelt. Bohrmaschinen, Sägeblätter, Schraubenzieher. Ein nervöses, elektrisches Zucken: Eine Neonröhre blitzt auf. Schließlich: Ein Blick durch den Längsschnitt einer Garage. Mit einem aggressiv schnappenden Geräusch klappt die Kipptüre zu.
Can you save me from this darkness?
All dies gleitet am emotionslos registrierenden Kameraauge vorbei, unterlegt von einem unbehaglichen Drone-Geräusch. Ein scheinbar endloser Panoramaschwenk, der die Abbildung eines Ausschnittes aus der Wirklichkeit suggeriert und in Wahrheit das Raum-Zeit-Kontinuum sprengt: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh` ich wieder aus. Und hinterlasse einen Alptraum aus Fragmenten einer kleinbürgerlichen Provinzidylle. Räume, perspektivisch verschoben und bizarr ineinandermontiert. Zeitabläufe, die eine Chronologie vortäuschen und doch nur Momentaufnahmen, Erlebnisblitze ohne kausalen Zusammenhang sind.

HEIM ist ein chronotopisches Chaos nach den Maßgaben einer formalen Logik organisiert und gerade in seinem unaufgeregten und ereignisarmen Ablauf verstörend. Eine Videoanimation, eine Kombination von Fotos und Laufbild, deren Module im Elternhaus der Künstlerin in Vorarlberg aufgenommen wurden und die im Durchlauf vom Dachboden bis in den Keller nicht nur von sinnbefrachteten Objekt-Assemblagen erzählt, sondern auch von der psychischen Innenaustattung jener Menschen, die in der Mitte eines katholisch-konservativen Milieus einen Lebenstraum verwirklichen wollen. HEIM ist eine fiktive Kamerafahrt, die gerade in der Akzentuierung des Vertrauten und HEIMeligen das UnHEIMliche reliefartig hervortreten lässt. Sie evoziert das Gefühl eines Bedrohungsszenarios, dessen Ursprung sich in der Banalität des Alltags und des Allzumenschlichen verorten läßt und das in seinem Verzicht auf Monstrosität und gewalttätiges Handeln umso beredter von den Fallen und psychischen Exzessen, die die Conditio humana bestimmen, erzählt.
Ich brauche keine Blutspuren und abgeschnittenen Ohren, um die gedankliche Achse dieser Bilderzählung bis zu Reinhard S. zu verlängern, jenem 40-jährigen Mann, der Schopenhauer, Nietzsche und Cioran lesend, seine ganze Familie mit der Hacke ausgelöscht hat . Das Leben sei „eine überflüssige Station“, sagte der Mörder, der nur den aktuellsten Fall österreichischer Gewaltausbrüche in einem vorgeblich befriedeten gesellschaftlichen Milieu repräsentiert, vor Gericht, „in diesem unnötigen Zeitfenster zwischen Geburt und Tod.“
HEIM vermittelt distanziertes Erleben des Schreckens im Sinne von Edmund Burke, aber nicht als Anleitung zur Selbsttherapie, sondern, im Gegenteil, als Feinkalibrierung des Bewusstseins für die Möglichkeiten des Extraordinären im ordinären Allzumenschlichen ohne Angebot eines allzu billigen Erlösungsversprechens. Das Haus, dessen entlegenste Winkel und versteckteste Residualräume Claudia Larcher mit der Kamera abtastet, immer darum bemüht, die Textur, die Oberflächenspannung der Phänomene auszumessen, so als ob das Auge eine Fingerkuppe wäre, die das Visuelle ins Taktile umzudeuten versucht, scheint ein GeHEIMnis zu bergen. Doch nie wird enthüllt, worin dieses Mysterium bestehen könnte. Steckt das Rätsel, könnte man, Zizek paraphrasierend, fragen, vielleicht nicht in jenen Gegenständen oder Menschen, die sich dem Blick des Apparates dauerhaft entziehen, sondern, im Gegenteil, in dem Zuhandenen, dessen medial vermittelte Gegenwart uns in seiner schlichten Präsenz nicht der Rede und des Gedankens wert erscheint? Warten wir in HEIM vergeblich auf einen Godot, der sich schon längst in den Accessoires, die sein Leben bestimmen, offenbart hat?
Dies wäre der Versuch einer These, die nicht von einem Zu-Wenig ausgeht, sondern von einem Zu-Viel. Kein Mangelerleben, sondern ein Ersticken in der Abundanz des angesammelten Zufälligen, das sich gleichwohl zum Mosaik eines möglichen Lebensentwurfes formen will.
Rosanow definiert den Nihilismus folgendermaßen: „Das Publikum erhebt sich. Es ist Zeit den Mantel überzuziehen und nach Hause zu gehen. Die Besucher drehen sich um: Kein Mantel mehr und kein Zuhause.“1
In bezug auf HEIM können wir die Situation umdrehen: Zuviele Mäntel, zuviel Zuhause, zu viele Koffer, zu viele ausgestopfte Vögel, zu viele Kommunikationsversuche, die im antwortlosen Raum verhallen. Und trotzdem dasselbe Gefühl eines Nihil, das in den Grund des Seins eingelagert ist. Der Horror Vacui, der Eindruck einer Leere, die durch die Suggestionen religiöser, politischer und lebenspraktischer Heilsversprechen nicht mehr gefüllt werden kann, wird mit der Anhäufung von Gegenständen im mikropolitischen Feld des familiären Stratums bekämpft. So entsteht mit Fortdauer der Bilderzählung die Impression einer sich an der Festigkeit und Konsistenz der Materie hochziehenden Aussichtslosigkeit. Wohnlandschaft ohne Argonauten, die längst schon das sinkende Schiff verlassen haben und trotzdem als Astralprojektion ihres verblichenen Selbst noch das Aroma einer im Endlos-Loop gefangenen Tristesse ausschwitzen.
HEIM mag sich vordergründig in die Geistes- und Kulturgeschichte einer provinziellen Malaise einschreiben, die dem Ennui durch eine planvoll oder unabsichtlich in Szene gesetzten Selbstzerstörung als Möglichkeit, sich überhaupt als kohärentes Individuum zu erleben, entfliehen will – von Madame Bovary bis zu den zeitgemäßeren und ästhetisch näherliegenden Dämonologien eines ´universal suburbia`, wie es etwa David Lynch in „Blue Velvet“ ausfaltet – doch die Arbeit zielt auf universale Gültigkeit. In der Videoanimation erscheint das HEIM als Totenhaus, das die hinlänglich bekannten freudianischen Deutungsansätze für das UnHEIMliche – Kastrationsangst, verdrängte infantile Komplexe, verstörende Irritation in alltäglichen Situationen – mitschwingen lässt, aber darüber hinaus einen Bereich anvisiert, der mit Lacans Begriff des ,Realen’ besser umrissen werden kann: massive, singuläre nichtreduzierbare Präsenz eines Unaussprechlichen, das im Schlagschatten des großen Anderen von Objekt zu Objekt permutiert, ohne sich in ein tröstliches Narrativ einbetten zu lassen. Traum und Trauma als psychisches Flackern, verbildlicht in einer defekten Neonröhre, als Nervenlauf eines aus der Mitte seines notdürftig gesicherten Modus vivendi geworfenen Seins.
Die Welt, die in HEIM erscheint, ist zwar von der Oberfläche existierender Realien abgezogen, schließt aber in der künstlerischen Verdichtung einen ganz eigenen topographischen und existentiellen Raum auf. Man mag sich, vor allem bei der Tonspur an David Lynchs „Eraserhead“ erinnert fühlen, an das ur-Haus von Gregor Schneider, an Michael Hanekes Film Funny Games, der eine behagliche HEIM-Situation in ein Terrorszenarion verwandelt, an bestimmte visuelle Suggestionen eines David Cronenberg, von denen, nach der Streichung alles Expliziten, nur noch der Hohlraum eines Grauens jenseits von Metapher und Symbol übrigbleibt. Denn das, was an Gegenständen erscheint, eignet sich in seiner geHEIMnislosen Banalität nicht zu einer Dechiffrierung, an der sich ein philosophisch-theoretischer Kryptograph mit Gewinn abmühen könnte. Die Überfülle des Materiellen, das in seiner penetranten Trivialität wie eine Schicht aus Permafrost über der jeder Mitteilungsfähigkeit sich entziehenden Erfahrung des Schmerzes liegt, wird zum Index eines irreduziblen Mangels. Das Descartes`sche Ich, das denkt, ist überlagert von all den ´outgesourceten`, in Objekten sichtbar gemachten Seinspartikeln und wird mittlerweile von diesen gedacht.
I see a darkness: Unergründliche Finsternis der Materie, wie Lévinas sagen würde, dunkelt in HEIM jede Möglichkeit einer Fluchtroute ein – bis hin zum finalen Zuschlagen des Sargdeckels in der Garage. Während der Abspann läuft, spüre ich den Geruch von Autoabgasen in der Nase.

Can you save me from this darkness? Werde ich überhaupt je wissen, aus welcher Quelle sie sich speist, aus welcher Disparität zwischen Wunsch und elender Pflichterfüllung das tenebreuse Sein erwächst? Werde ich mir ein Gegenüber halluzinieren können, das mich sieht sans le tranchant de l’angoisse?

„Man kreist um dieses Andere,” schreibt Christian Kupke, „kreist um das Ding, kreist es vielleicht auch ein, aber andererseits ist es ja gerade die Natur dieses Objektes, verloren zu sein und als ein solches – als Loch im Realen – das Endliche zu verunendlichen. (…) Dieses Ding, es wird nie wiedergefunden werden, oder man findet es bestenfalls wieder als Leid.”2

1 vgl. Raoul Vaneigem: Basisbanalitäten, Hamburg 1976/77, S.174
2 Christian Kupke: Freud, Lacan und Lévinas, www.text-pool.de