Claudia Larcher – The replicated gaze
(über die Einzelausstellung von Claudia Larcher in der Galerie Lisi Hämmerle)

Die Phantasie auf die Reise schicken. Die Sehnsucht triggern durch Titel, die auf ein Jenseits des Erfahrungs- und Referenzraumes, in dem man sich bewegt, verweisen. Einen Horizont aufspannen, der das Halbgewußte, Halbbewußte mit einem Imaginären oder besser: hysterisch Halluzinatorischen in Beziehung setzt. „Social housing in Pais Vasco (Alava, Bizkaia, Gipuzkoa)“  heißt eine Gruppe  von Papiercollagen aus der Serie „Baumeister“. Es sind Palimpseste, Überschreibungen von architektonischen Ideen, die sich als Projektskizzen in Architekturzeitschriften konkretisiert haben und als Ausrisse zu Morphemen einer visuellen Grammatik werden, mit der Claudia Larcher den urbanen Raum und seine Möblierung/Bewirtschaftung durch die Agenturen der Administration des Gemeinwesens  metakonstruktivistisch vermißt und neu konfiguriert. Expressionistische Schräglagen – mit Bezug auf Lotte Eisner könnte man von dämonischen Architekturen sprechen – , endlos geflochtene Bänder von Stadtautobahnen, ineinanderstürzende Fassaden. Während die – architekturkritischen? psychogeographischen?  postpsychedelisch-traumatischen? – Filme, für die Claudia Larcher bekannt geworden ist, sich auf einer timeline entfalten und ganz langsam und insistent das (Unter)Bewußtsein kolonisieren, fällt bei den Collagen alles in eins, wie durch ein Prisma betrachtet: Höchste Verdichtung des Blicks, urbane Utopien, als zweidimensionale Entwürfe formuliert, hier ins Dreidimensional-Dystopische ausgewölbt. Retrofuturistische Reliefstrukturen, die Materialitäten und kühne Formensprachen fast schon fetischistisch rekombinieren. Re-make, re-model mit der Absicht, die Schönheit der Bricolage zu genießen und gleichzeitig die städtebaulichen Imperative, die als Subtext mitlaufen, zu subvertieren.
Begibt man sich bei den Laufbildarbeiten  der Künstlerin auf eine Reise ins Herz der Finsternis, wo, wie in „Empty Rooms“, minutiös abgetastete Oberflächentexturen plötzlich zu Abgründen der Kontingenz aufplatzen, zu endlosen Korridoren traumatischer Selbstverlorenheit; wo unterhalb der vermeintlichen ontologischen Stabilität, die durch  kalkulierbare  Raumverhältnisse hergestellt wird, ein Schlund des Unsagbaren sich auftut, so erlebt  man bei den Arbeiten der „Baumeister“ -Serie einen produktiven Schock der Plötzlichkeit/der Immanenz. Ein Allover unterschiedlichster Formen, Farben und Figurationen, eine postkubistische Blickverzerrung bei gleichzeitiger Neukalibrierung des Visuellen im Hinblick auf Details, Maßstabsinkongruenzen und perspektivische Unmöglichkeiten.
„Strategien gegen Architekturen“ heißt eine Platte der deutschen Industrial Band Einstürzende Neubauten. Ein Programm, das auch für die Arbeit Claudia Larchers gelten kann. Vielleicht ergänzt um den Zusatz, dass es nicht nur gegen Architekturen als Dispositive der Machtrepräsentanz oder der sozialen Kontrolle geht, sondern darum, mit und durch Architekturen hindurch, Möglichkeiten und Defizite des Gesellschaftlichen mitzudenken. Die von Alexander Mitscherlich diagnostizierte „Unwirtlichkeit unserer Städte“  wird als mythopoetischer Kataklysmus architektonischer Multiplizitäten denotiert und gleichzeitig transzendiert.
In der Werkserie „Arakawa-Ku“, die anläßlich eines Japan-Aufenthaltes der Künstlerin entstanden ist, geht Claudia Larcher einen anderen, fast gegensätzlichen Weg: Im geistiger Sichtverbindung  zur emblematischen Architekturfotographie von Bernd und Hilla Becher werden Einfamilienhäuschen in einem Stadtteil am Rande Tokios aus dem urbanen Environment isoliert und in ihrer oft der räumlichen Beengtheit geschuldeten gestalterischen Bizarrerie ausgestellt. Individuelle Irregularitäten, etwa in der Anordnung der Fenster und der Farbgestaltung der Fassaden scheinen dem Gesetz des Seriellen zu widersprechen und werden doch als individuelle Marotten zu Symptomen eines kollektiven Unbehagens. 
Das Video „Die Einzige und ihr Eigenheim“ zeigt solche architektonischen (Un)Willenskundgebungen als Bausätze, mit denen man die jeweilige architektonische Idiosynkrasie als Mikro-Mundus realisieren kann. Die Welt in einer Nußschale gewissermaßen, Legoland reloaded, der Nicht-Ort als Zone einer energetischen Aufladung mit einem Begehren, das in einem Spiel der Differenzen sein Heil sucht und doch immer wieder auf sein eigenes Unvermögen zurückverwiesen wird. Claudia Larcher balanciert auf jenem Grat, wo das Heim als Refugium, als Trennlinie zur inkomprehensiblen Welt da draußen jederzeit ins Unheimliche kippen kann, wo im Haus das Gefühl der Unbehaustheit sich breit macht.  
In den Arbeiten der Künstlerin wird häufig das Innen zum Außen und das Außen zum nicht mehr kartographierbaren Raum jenseits von Zeichen, Metapher und paranoidem Wahn. Und trotzdem gibt es in diesen menschenleeren,  ästhetischen Territorien, in dieser produktiv durcheinandergewirbelten Ordnung der Dinge immer noch die Hoffnung, daß  jeder Mensch in seiner Nacht ein Gegenüber finden könnte. Dass im Erkennen und im Beschwören der Rätselzeichen und Inkunabeln, die das organisierende Sein hervorbringt die Möglichkeit eines kommunikativen Austausches läge.  „Wo immer die Hieroglyphe irgendeines Raumbildes entziffert ist“, schreibt Siegfried Kracauer, „dort bietet sich der Grund der sozialen Wirklichkeit dar.“