CLAUDIA LARCHER | FAUX TERRAIN
Bildraum Bodensee und Galerie Lisi Hämmerle präsentieren Arbeiten der Künstlerin , Juni 2016

Für ihre Einzelausstellung im Bildraum Bregenz präsentiert die in Wien lebende Vorarlberger Künstlerin Claudia Larcher ein Panorama ihrer jüngsten Arbeiten. Unter dem Titel FAUX TERRAIN vereint sie verschiedene, miteinander verwobene und doch in sich eigenständige künstlerische Arbeiten. Sie verknüpft Videos, Collagen, Fotografen, Objekte, ortsspezifsche Installationen und Interventionen und konstruiert eine obskure Landschaftsperspektive, in der unterschiedliche Bildfächen im Dialog mit den Räumlichkeiten ineinander fießen.

Die Arbeiten der Künstlerin werden von unterschiedlichen Themen generiert. Die Wahl ihres Mediums variiert, ihre Vorgehensweise bleibt ungeachtet dessen meist dieselbe: Sie produziert, sammelt, zerlegt, separiert, refektiert, ordnet, erweitert, verdichtet, verfremdet, transformiert, fokussiert, detailliert, verknüpft, rekonstruiert, montiert und reproduziert.

Einer abstrakten Kartographie folgend entwirft Claudia Larcher für die Ausstellung eine fragmentierte Landschaft, welche die Grenzen ihrer wissenschaftlichen, geographischen oder geologischen Aspekte überschreitet. Für die Videoinstallation In Between the Ocean (2014) verbindet sie Aufnahmen von Innenräumen in Tokyo mit Landschaftsaufnahmen aus den Katastrophengebieten um Fukushima und Tohoku und spiegelt so die Auswirkungen der Energiepolitik auf die natürliche und städtische Umwelt wider. In der Werkserie NIDA (2015/2016) erkundet die Künstlerin die litauische Halbinsel Neringa und thematisiert das Grenzgebiet zwischen Europa und Russland. Sie untersucht mit analytischem Blick verschiedene Formen und Merkmale von Naturlandschaften (Hakone, 2016) oder Organismen (RGB, 2013). Menschen sind in ihren Arbeiten selten und wenn dann nur anhand der Spuren die sie hinterlassen präsent. In dem Video Self (2015) erkundet Larcher die menschliche Haut in Großaufnahme. Die scheinbar so vertraute Oberfäche mit all ihren Details und Merkmalen mutiert sukzessive zu einer surrealen Landschaft. In einer langsamen Kamerafahrt zerfießen das Innere und das Äußere des menschlichen Körpers und formen einen fktiven Raum, ein faux terrain in dem sich der Betrachter plötzlich selbst hinein projiziert wiederfndet.

Ihre Collagearbeiten Panorama und Outsourced Domesticity (2013) bilden den Anknüpfungspunkt zu einem weiteren Teil des Ausstellungsparcours, der sich in den Räumlichkeiten der Galerie Lisi Hämmerle fortsetzt. Claudia Larchers Papierobjekte und Architekturcollagen, die ganz ähnlich wie auch die Videos auf dem Montageprinzip beruhen, sind Schichtungen von Seitenfragmente aus ausgewählten Architekturzeitschriften. Unterschiedliche architektonische Elemente werden freigestellt, zusammengesetzt und übereinander geschichtet. Sie setzt sich mit der Ästhetik der Materialien und der Form und Bewegung unterschiedlicher Konstruktionen auseinander und kombiniert auserlesene Relikte von Innen- und Außenansichten, Details, Luftbildern und Plänen diverser Bauten um daraus neue Gebilde, urbane Utopien zu schaffen. In der eigens für die Ausstellung konstruierten „Vitrine“ der Galerie Lisi Hämmerle sind Auszüge aus den Collageserien Baumeister und MIES – Moins est Plus zu sehen. Im Galerieinneren bildet ein 25 Meter langer Vorhang eine begehbare Architekturlandschaft aus Fragmenten von Mies van der Rohe Bauwerken.

Mittels Abstraktion, Überhöhung und Verfremdung inszeniert Claudia Larcher Lebensräume, Architekturlandschaften und Naturformationen als utopische Weiten und dystopische Szenarien. Ihre Arbeiten, die durch ihre irritierende Detailhaftigkeit zunächst als naturgetreue Abbilder realer Gegebenheiten erscheinen, sind in Wirklichkeit vielschichtige und komplexe künstlerische Konstrukte, die die Grenze zwischen Realem und Fiktivem aufösen und Raum für andere mögliche Realitäten schaffen. FAUX TERRAIN – Claudia Larcher führt den Ausstellungsbesucher in ein Zugleich von Realität und Imagination, irgendwo zwischen Natürlichem und Künstlichem. Genau an die Schwelle an der das Hier und das Anderswo, das Innen und das Aussen aneinander geheftet sind. An einen Un-Ort, diesseits, jenseits, fremd und vertraut zugleich, an dem der Betrachter stets gefordert ist, seine Beziehung zur Welt, deren Repräsentationen und seine eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen.

Text von Yvonne Ruescher